Das Litermaß

Eine Situation

Das Litermaß oder wie ich zu beten gedenke

Angesprochen darauf, ob es nicht etwas eintönig sein würde, alle ein, zwei Tage das gleiche Gebet, nämlich das 'Vater Unser' zu sprechen, habe ich nachgedacht, wie das für mich ist. Dabei habe ich festgestellt, dass es jedes Mal eine gänzlich neuwertige, ja andersartige Erfahrung für mich mit sich gebracht hat.

Getreu meiner Maxime, dass ich immerzu den gleichen Weg in diesem Dasein begehen möchte, bete ich auch das immerzu gleiche Gebet, wenn ich denn einmal bete. Meine Erfahrung ist dabei diejenige, dass dieses eine Gebet im Laufe der Dauer dieses Vorganges, welcher nun bereits seit etlichen Jahren bei mir anwährt, für mich fast schon zu einem Eichmaß für mein Befinden geworden ist. An diesem Vorgang bemesse ich zuweilen die Qualität meines 'Seelenlebens'. Anders gesagt ist es so, dass es mir das eigene Empfinden meines Wesens widerspiegelt. Ich erscheine dabei vor mir selbst und nehme das gut wahr.

Da bin ich sogleich von meinen beiden Bekannten darauf angesprochen worden, ob ich denn ein anschauliches Beispiel für diesen Sachverhalt aufzeigen kann. Das habe ich dann mit den nun nachfolgenden Worten zu leisten versucht. Diese habe ich mir hernach in ihrem ungefähren Wortlaut dann aufgeschrieben.

Folgendermaßen habe ich damit begonnen. In meinem Küchenschrank befindet sich ein Litermaß für Flüssigkeiten. Das ist ein sogenannter Messbecher, welcher, wenn er gefüllt ist, etwas mehr als einen Liter klaren Wassers fassen kann. Auf ihm ist auch ein Maßstab angebracht. Dieser dient zum genauen Ablesen des Füllstandes.

Das Wasser, welches er fasst, schöpfe ich jedes Mal aus der gleichen Quelle. Es wird aber dennoch jedes Mal ein anderes Wasser sein, welches ich mit diesem aufnehme. Das Maß, mit dem ich das tue, bleibt dabei stets das gleiche Litermaß.

Das Gebet wird nun für mich gerade wie das Wasser aus der Quelle sein. Die genaue Menge an Worten ist mir bekannt, aber es würde ja nicht dasselbe Gefühl dabei sein, wenn ich sie ausspreche.