Dr. Surprise

Erzählung

Dr. Surprise

Dr. Surprise ist heutzutage mein Beistand fürs Leben. Er hat keine eigene Praxis, welche man aufsuchen kann. Wenn man ein Wehwehchen hat, wird man ihn benötigen.

Nein, er ist kein niedergelassener Arzt. Schon gar nicht ist er extra dazu ausgebildet worden, ein Beistand für Leute wie mich zu sein. Auf jeden Fall hat er keine solche Schule besucht, die wir kennen. Er hat sich von dem ganzen kulturellen Blabla unserer Zivilisationsstufe noch immer nichts vormachen lassen. Dafür schätze ich ihn sehr.

Wenn es mir einige Zeit lang gut geht, dann bedauere ich manchmal, dass er sich so lange nicht bei mir blicken lassen hat. Dieser Mensch ist solch ein guter Umgang für mich geworden. Und dann läuft auch alles irgendwann irgendwie immer schief bei mir, weil ich ihn endlich treffen möchte. Erst dann, wenn er wieder bei mir aufkreuzt, wendet sich das Blatt für mich und es macht sich manche Besserung bemerkbar. Da bekomme ich wieder Auftrieb, Luft zum Atmen und so.

Früher bin ich ihm für lange Zeit extra aus dem Weg gegangen. Ich habe ihm nicht zu vertrauen gewusst und es darum selbst versucht, mein Leben geordnet zu halten. Da ist er mir natürlich nicht gerade sehr willkommen gewesen. Dabei hat er mir seine Hilfe stets angeboten. Ich habe diese jedoch zunehmend stärker ausgeschlagen. Die Rechnung habe ich dafür natürlich irgendwann erhalten. Das Päckchen auf meinen Schultern ist nicht etwa kleiner und leichter für mich geworden. Nein, vielmehr ist es mir immer unbequemer und unhandlicher vorgekommen mit jedem Jahr ohne ihn und seine Hilfestellung.

Er ist eine ganze Zeit lang fast schon so etwas wie ein erklärter Erzfeind für mich gewesen. Ihm habe ich all das vorgeworfen, was mir in meinem Leben noch nicht gut gelungen ist. Dabei habe ich alles selbst so eingerichtet. Was gut genug für mich gewesen ist, das habe ich mir selbst zugeschrieben. Daraufhin hat er mich natürlich etwas gemieden.

Das geordnete Leben hat mir etwas klargemacht. Ich habe gedacht, dass ich alles selbst in der Hand habe und allein nur das tun muss, was für mich das Richtige sei. Und so habe ich versucht, etwas Eigenes aufzubauen mit Nichts, aus Nichts, ohne die Hilfestellung anderer. Das ist so lange gut gegangen, wie ich blind für meinen Niedergang gewesen bin. Dann aber haben endlich auch meine Kräfte mehr und mehr nachgelassen. Und ich habe natürlich nicht gewusst, wie ich diese für mich zurückgewinnen kann. Ab da ist es offensichtlich gewesen.

Es ist dann ein Crash gekommen. Ein Knockout ist das gewesen, verbunden mit einem Aufwachen auf der Intensivstation. Dort habe ich dann endlich damit begonnen wieder zu träumen.

Das sind allesamt wohlgeordnete Träume bei mir gewesen. Alles ist da zur rechten Zeit am rechten Platz bei mir vorgekommen. Doch der reiche Schatz auf meinen Schultern hat noch immer so schwer gewogen. Nun aber hat er zum ersten Mal und auch auf einmal damit begonnen, wieder leichter für mich zu werden.

Das hat auch einen Grund gehabt. Diesen kenne ich heute. Nicht etwa, ich bin stärker geworden, nein. Vielmehr hat der Sack durch irgendeinen dummen Zufall ein Loch bekommen und mein Gutes ist aus ihm heraus geronnen. In einem stetigen Drang der Schwerkraft hat es etwas an meinem Hab und Gut geschafft und mir das Leben wieder leichter gemacht. Eine Spur meines vergebenen Wohlstands habe ich dabei auf meinen Wegen hinterlassen. Gar vieles habe ich deswegen verloren.

Das Loch im Sack ist mir jedoch erst einmal gar nicht aufgefallen. Ich habe zuerst daran geglaubt, dass ich wieder stärker werde. Doch weit gefehlt habe ich da bei dieser Idee. Diese Art der Ordnung der Dinge hat keinen Bestand. Sie würde sich so nicht leicht erhalten lassen. Das führt immer wieder aufs Neue zu einem Niedergang des Menschen.

Das Geschick mit der Ordnung hat man nicht so sehr im eigenen Willen, wenn man das nicht im Blut getragen hat. Ohne Rücksicht auf Verluste hat der Wandel der Dinge da bei mir endlich seinen Lauf genommen. So geht alles seinen Gang, diese Zeit kommt irgendwann, und wandelt alle Dinge ab. Ja, sie erhebt sich früher oder später über uns Menschen und zwingt uns dabei ihr Siegel auf.

Und keine Ordnung besteht dauerhaft, wenn sie von einer künstlichen Art ist. Und das hat Dr. Surprise wohl mir dann auch endlich angesehen. Er wird genau erkannt haben, wie ich mich selbst fertig gemacht habe mit meinem Ordnungswahn und Selbsterhaltungstrieb. Und so hat er mir nichts, dir nichts, einen Schlitz in meinen Sack geschnitten zu meiner eigenen Erleichterung. Das hat eine große Überraschung für mich ergeben.

Irgendwann dann ist der Sack fast gänzlich leer gewesen. Da habe ich meine nahezu dauerhaft verkrampften Hände wieder herunter genommen und sie auch endlich wieder in den Schoß gelegt. Doch Dr. Surprise habe ich für diesen Bärendienst noch lange nicht zu danken gewusst. Ich habe da noch oftmals geglaubt, dass er mich fertig machen möchte.

Doch Dr. Surprise hat inzwischen mehr und mehr Erfolg dabei, mich auf seine Seite zu ziehen. Und mittlerweile bin ich ihm sogar schon etwas dankbar dafür, was er da mit mir getan hat. Vielleicht hat er mir auf diese Weise das Leben gerettet. Ach was, sehr wahrscheinlich hat er das getan. Ich weiß es ja.

Ich gebe es zu, dass er mir heutzutage wieder von Zeit zu Zeit fremd ist. Zumindest würden wir uns nicht gerade vertraut sein. Aber da ich mir diese Geschichte gerne durchlese, kann ich mich wieder und wieder daran erinnern, welche Bedeutung er für mich in meinem Dasein hat. Ihm habe ich all das zu verdanken, weil er mir zur rechten Zeit beigestanden hat. Ob er dabei etwas getan hat, was ich von ihm erwartet habe, das muss ich dennoch verneinen. Und doch hat sein Bärendienst mir mehr Glück eingebracht, als ich  Verstand und Orientierung besitze.

Was soll ich ihm da länger böse dafür sein? Er hat Hilfe geleistet, als eine Hilfestellung erforderlich gewesen ist. Natürlich ist es schmerzhaft gewesen, all das Hab und Gut zu verlieren und zudem auch noch die Orientierung ändern zu müssen. Aber das nächste Mal, wenn er mich heimsucht, werde ich mich bei ihm ordentlich für seine Bemühung um mich und mein Lebensglück danken. Das hat er sich verdient.

Tja, ein Wunderheiler wie er hat eben auch nur allein solche Mittel, welche es da geben kann. Das einzige Wunder, welches er vollbracht hat, ist das folgende gewesen. Er hat das Richtige zur rechten Zeit getan. Da hat er einfach den richtigen Impuls gehabt und diesen dazu umgesetzt. Würde es nicht gut sein, wenn auch wir daran glauben würden, dass es so etwas gibt?

So gerne werde ich noch weiter von Dr. Surprise berichten. - Doch fürs Erste soll es das sein. Die Geschichte ist nun aus und wir gehen brav nach Hause. Dort setzen wir uns ruhig hin und tun etwas mit gutem Sinn. So würde es nicht notwendig sein, dass einer wie der zu uns kommt herein. Was wird das für eine Freude sein, wenn auch noch so klein und niedlich dabei anzusehen. Das ist doch schön. Auf Wiedersehen!